Zitiert aus dem 1. Kapitel des Buches von Dr. Klaus Volkamer: „Die Feinstoffliche Erweiterung unseres Weltbildes“ (Weißensee Verlag, 2013, 3. Auflage).

In den beiden vorherigen Abschnitten haben wir untersucht, wie sich das heutige Wissenschaftsparadigma aus geschichtlichen Anfängen heraus zum heutigen wissenschaftlichen Naturverständnis hin entwickelt hat. Dieses Weltbild beinhaltet nicht nur ein anscheinend umfassendes Verständnis der uns umgebenden Natur, vom grobstofflich Kleinsten bis zum Größten. Es legt auch weitgehend unser Handeln fest. Denn es bildet vielfältige Möglichkeiten zu einer technologischen Umsetzung und damit zu einer Nutzanwendung. Letztlich ist die gesamte industrielle Evolution und ihre Fortführung zum heutigen Informationszeitalter nur aus dem modernen Paradigma heraus möglich geworden. Denn das Paradigma und die in ihm verankerten Methoden und sein anerkanntes Theoriengebäude legen fest, was wissenschaftlich intersubjektiv durch reproduzierbare Versuche als eine adäquate objektive und damit verlässliche Naturerkenntnis anzuerkennen ist. Das scheidet emotional voreilige, irrationale, dogmatische und rational nicht begründbare Entscheidungen, so gut es geht, aus dem öffentlichen Leben aus und begrenzt ein solches Vorgehen, wenn es doch jemand verfolgen will, auf den individuellen Bereich des menschlichen Zusammenlebens.

Das moderne Wissenschaftsparadigma besitzt also einerseits eine besondere große Bedeutung und bürdet sich und seinen Vertretern andererseits wegen bestehender Restrisiken die Verantwortung auf, sich die Frage hinsichtlich seiner Vollständigkeit zu stellen. Denn wenn unser heutiges Paradigma die Natur nicht prinzipiell vollständig beschreibt, kann das eklatante Folgen mit ganzen Problemketten in der Gesellschaft haben. Das kann sogar zu einem Dilemma für die Regierung eines Landes werden. Denn sie kann sich nur innerhalb des gesellschaftlichen Paradigmas gesetzlich bewegen. Und das, weil das wissenschaftliche Paradigma eine ungeschriebene Verfassung hinter der Staatsverfassung festlegt, könnte man sagen. Letztlich bestimmt dieses Weltbild den Handlungsspielraum für die gesamte Öffentlichkeit bis hin zur Regierung eines Landes. Denn die meisten Menschen lassen sich von ihm bewusst oder unbewusst leiten und die Legislative kann nur Gesetze und Verordnungen erlassen, die im wissenschaftlichen Paradigma gegründet sind oder ihm zumindest nicht widersprechen. Ein Gesetzgeber, der es wagt, sich bewusst außerhalb des objektiv begründeten Weltbildes zu bewegen, würde sich größter öffentlicher Angriffe aussetzen und könnte mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mit einer Wiederwahl rechnen. Sein Vorgehen wäre nicht mehrheitsfähig. Andererseits ist festzustellen: Bei der Eskalation von Problemen mit einem noch außerhalb des Paradigmas liegenden Ursprungs kann eine Regierung deshalb nichts Wirkungsvolles zur Lösung unternehmen, weil solche Probleme auch bei verstärktem Einsatz von paradigmeninternen Mitteln, also im rein Materiellen, prinzipiell gar nicht lösbar sind. Anzeichen für eine solche Situation könnten sein, dass die Kosten zur Problemlösung jahre- und jahrzehntelang „weglaufen“, ohne dass sich an der Situation trotz aller Bemühungen grundsätzlich etwas ändert. Man denke an die ständig weiterlaufenden Kostenexplosion im Gesundheitswesen!

Diese Betrachtungen laufen letztlich auf die Frage hinaus, ob es einem Paradigma überhaupt gelingen kann, seine Vollständigkeit zu beweisen. Oder: Reichen die unbestrittenen großen Erfolge des modernen Weltbildes aus, um seine Vollständigkeit zu beweisen? Einem „Ja“ stehen die geschilderten Risiken und die gesammelten Erfahrungen, zum Beispiel von Max Planck (1944) oder Thomas S. Kuhn (1976) gegenüber. Zudem ist seit den Arbeiten von Kurt Gödel (1906-1978) bekannt, dass jedes wissenschaftliche Theoriengebäude – und das muss auch für das Wissenschaftsparadigma als Ganzes gelten – die Vollständigkeit seiner eigenen axiomatischen Basis prinzipiell nicht beweisen kann (Nagel 1984, Stegmüller 1973).

Trotzdem denkt fast jeder Wissenschaftler und die Mehrheit der Menschen wie Mohr (1997) es formuliert: „Das von den Naturwissenschaften geschaffene Weltbild erwies sich in jeder Hinsicht als erfolgreich. Erfolgreich bedeutet theoretisch, dass dieses Weltbild wesentliche Sachverhalte der Welt mit robuster Zuverlässigkeit erklärt“. Das ist die Überzeugung der großen Mehrheit, wobei man als einen weiteren Beleg das Leiden unserer Vorfahren oder der heute noch technologisch unterentwickelten Länder zitieren kann. Denn das „System als Ganzes“ induziert eben im allgemeinen eine nicht weiter hinterfragte Überzeugung, die sich selbst bestätigt. Das wiederum ist seitens der modernen kognitiven Psychologie als Zirkelschluss bekannt und wird dort so beschrieben; „Überzeugungen haben die Tendenz, ihre eigene Gültigkeit zu bestätigen, da sie unsere Wahrnehmung und unsere Verhaltensweisen in der Weise formen, dass sie mit ihnen übereinstimmen“ (Walsh 1985).

Es ist letztlich die Verantwortung der Wissenschaft aber auch einer interessierten Öffentlichkeit, die hier nachfolgend vorgestellten Ergebnisse und damit aufgeworfene Frage der Aussagekraft des heutigen Wissenschaftsparadigmas sorgfältig zu prüfen. Die hier zur Diskussion gestellten Überlegungen richten sich deshalb an jeden interessierten Leser, an die Politiker und die Wissenschaft mit der Aufforderung, dazu beizutragen, eine weitere, systematische Erforschung der neuen Materieart nach Kräften zu fördern und zu unterstützen.

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